Führungskräfteentwicklung

    Situative Führung in mittelgroßen Organisationen: Wie du Menschen passend zur Aufgabe führst.

    Mag. Paul H. Schindler19. Oktober 2026 · 14 min

    In KMUs, NGOs und mittelgroßen Organisationen, auch innerhalb von Konzernstrukturen, treffen unterschiedliche Erfahrungen, Aufgaben und Verantwortlichkeiten aufeinander. Manche Mitarbeitende brauchen klare Schritte, andere mehr Entscheidungsspielraum und wieder andere ein Gespräch über ihre Unsicherheit. Situative Führung hilft dir, die passende Unterstützung an der konkreten Aufgabe auszurichten.

    Du führst einen Bereich in einem mittelständischen Unternehmen, koordinierst ein Team in einer NGO oder verantwortest eine Einheit innerhalb eines Konzerns. Neben dem Tagesgeschäft stehen eine neue Projektleitung, veränderte Abläufe und anspruchsvolle Gespräche mit Mitarbeitenden an. Eine erfahrene Fachkraft arbeitet seit Jahren eigenständig. Ein neuer Kollege muss eure Prozesse erst kennenlernen. Eine erstmals verantwortliche Teamleiterin kennt ihr Fach, aber noch nicht alle Anforderungen ihrer Führungsrolle. Deine Aufgabe ist nicht, überall selbst die beste Lösung zu liefern, sondern andere unter diesen unterschiedlichen Bedingungen handlungsfähig zu machen.

    Genau hier entsteht ein typisches Führungsproblem: Du behandelst alle gleich und wunderst dich über unterschiedliche Ergebnisse. Die erfahrene Kollegin fühlt sich durch deine Detailvorgaben ausgebremst. Der neue Mitarbeiter bekommt viel Freiheit, aber wenig Orientierung. Die Teamleiterin kennt ihr Fach und vermeidet trotzdem das erste schwierige Personalgespräch. Gleiche Behandlung bedeutet nicht automatisch passende Unterstützung.

    Situative Führung bietet dafür eine praktische Denkstruktur. Sie fragt nicht, welcher Führungsstil grundsätzlich der beste ist. Sie fragt: Was braucht diese Person bei dieser Aufgabe unter diesen Bedingungen, damit sie Verantwortung übernehmen und sich weiterentwickeln kann? Die Antwort verändert sich mit Erfahrung, Sicherheit und Kontext.

    Was situative Führung ist und woher das Modell kommt

    Paul Hersey und Ken Blanchard entwickelten Ende der 1960er Jahre einen Ansatz, der Führungsverhalten mit dem aufgabenbezogenen Entwicklungsstand von Mitarbeitenden verbindet. Statt immer gleich viel vorzugeben oder immer gleich viel Freiraum zu lassen, soll eine Führungskraft ihr Verhalten anpassen. Zwei Dimensionen stehen im Mittelpunkt: aufgabenbezogene Anleitung und beziehungsbezogene Unterstützung. [1]

    Anleitung bedeutet, Ziele, Vorgehen, Zuständigkeiten und Qualitätsmaßstäbe konkret zu machen. Unterstützung bedeutet, zuzuhören, Fragen zu klären, Entscheidungen gemeinsam zu durchdenken und Zutrauen aufzubauen. Beide Dimensionen können unabhängig voneinander ausgeprägt sein. Viel Anleitung muss deshalb nicht wenig Respekt bedeuten. Viel Unterstützung muss nicht heißen, dass Ergebnisse unverbindlich werden.

    Wichtig ist eine Unterscheidung, die in vielen Kurzbeschreibungen verloren geht: Das ursprüngliche Modell von Hersey und Blanchard und Blanchards spätere Weiterentwicklung SLII sind verwandt, aber nicht identisch. Das ursprüngliche Modell arbeitet mit aufgabenbezogener Bereitschaft beziehungsweise Fähigkeit und Bereitschaft. SLII beschreibt Entwicklung anhand von Kompetenz und Engagement, einschließlich Motivation und Selbstvertrauen. Auch die Zuordnung der Entwicklungsstufen unterscheidet sich. Dieser Artikel und die Grafik orientieren sich für die vier Entwicklungsbilder an SLII. [1][2]

    Das ist mehr als eine begriffliche Feinheit. Ein motivierter Anfänger braucht in SLII zunächst klare Anleitung. Eine lernende Person, deren anfängliche Begeisterung nach ersten Schwierigkeiten abnimmt, braucht zusätzlich Erklärung und Unterstützung. Wer diese Entwicklungsbilder vermischt, leitet aus demselben Verhalten womöglich widersprüchliche Führungsentscheidungen ab.

    Kompetenz und Engagement: immer bezogen auf eine Aufgabe

    Kompetenz umfasst das Wissen und die Fähigkeiten, die für eine bestimmte Aufgabe notwendig sind. Kann die Person das Ergebnis eigenständig herstellen? Hat sie vergleichbare Situationen bewältigt? Erkennt sie Risiken und kann sie begründen, weshalb sie ein bestimmtes Vorgehen wählt? Allgemeine Berufserfahrung ist dafür ein Hinweis, aber kein Beweis.

    Engagement beschreibt hier Motivation und Selbstvertrauen im Hinblick auf diese Aufgabe. Will die Person Verantwortung übernehmen? Traut sie sich die Durchführung zu? Ein Mensch kann hoch motiviert sein und sich trotzdem unsicher fühlen. Umgekehrt kann jemand fachlich sehr sicher sein und wegen widersprüchlicher Prioritäten wenig Energie für eine bestimmte Aufgabe haben.

    Eine erfahrene Fachreferentin in einer NGO kann Projekte eigenständig gestalten und beim ersten Förderantrag an einen neuen Geldgeber Anleitung brauchen. Ein Vertriebsmitarbeiter in einem KMU kann Kundengespräche souverän führen und bei einem Konflikt im eigenen Team Unterstützung benötigen. Eine Bereichsleiterin in einer Konzerneinheit kann ihr Tagesgeschäft beherrschen und bei einem neuen konzernweiten Freigabeprozess Orientierung brauchen. Es gibt deshalb keine dauerhaft anleitungsbedürftigen oder dauerhaft delegationsfähigen Menschen. Es gibt unterschiedliche Anforderungen und aufgabenbezogene Entwicklungsstände.

    Praktisch heißt das: Formuliere zuerst die Aufgabe, bevor du jemanden einschätzt. Nicht: Lea soll professioneller werden. Sondern: Lea soll bis Freitag ein Kundengespräch vorbereiten, in dem eine Preissteigerung begründet und ein tragfähiger nächster Schritt vereinbart wird. Erst diese Präzision macht sichtbar, welche Fähigkeiten und welche Sicherheit tatsächlich gebraucht werden.

    Die vier Führungsstile im Überblick

    Die vier Stile kombinieren unterschiedlich viel Anleitung mit unterschiedlich viel Unterstützung. Die folgende Übersicht ist eine Orientierung nach SLII, keine Diagnose und kein Automatismus. Besprich den Unterstützungsbedarf mit der Person und prüfe zusätzlich Arbeitsbedingungen, Risiken und verfügbare Ressourcen. [2]

    XY-Koordinatensystem der situativen Führung nach SLII: Anleitung nimmt auf der horizontalen Achse nach rechts zu, Unterstützung auf der vertikalen Achse nach oben. Oben links Unterstützen, oben rechts Coachen, unten links Delegieren und unten rechts Anleiten. Weißes AAS-Originallogo auf dunkelblauem Hintergrund.

    1. Anleiten: Klarheit schaffen, wenn Erfahrung fehlt

    Anleiten verbindet viel aufgabenbezogene Orientierung mit vergleichsweise wenig zusätzlicher gemeinsamer Entscheidungsarbeit. In SLII passt dieser Stil zum begeisterten Anfänger: Die Motivation ist hoch, die aufgabenspezifische Kompetenz noch gering. Du erklärst das Ziel, zeigst das Vorgehen, vereinbarst Zwischenstände und machst Qualitätskriterien überprüfbar.

    Ein neuer Mitarbeiter soll erstmals ein Angebot für einen Geschäftskunden erstellen. Er ist motiviert, kennt aber weder eure Preislogik noch Freigabegrenzen. Einfach zu sagen, er solle unternehmerisch denken, hilft wenig. Passender wäre: Wir erstellen das erste Angebot gemeinsam. Diese drei Informationen müssen hinein. Rabatte über dieser Grenze stimmen wir ab. Morgen prüfen wir deinen Entwurf anhand dieser Kriterien.

    Wichtig ist der Ton. Anleitung ist keine Abwertung und kein Freibrief für autoritäres Verhalten. Die Person soll verstehen, weshalb es zunächst klare Schritte gibt und woran mehr Freiraum erkennbar wird. Auch bei geringer zusätzlicher Unterstützung bleiben Respekt, Erreichbarkeit und die Möglichkeit, Fragen zu stellen, selbstverständlich.

    2. Coachen: Orientierung und Dialog verbinden

    Coachen bedeutet in diesem Modell viel Anleitung und viel Unterstützung. Die Person baut Fähigkeiten auf, erlebt aber vielleicht Rückschläge und verliert Sicherheit oder Motivation. Du gibst deshalb nicht nur Schritte vor, sondern erklärst Zusammenhänge, hörst Einwände und arbeitest gemeinsam an Verbesserungen. Der Begriff bezeichnet hier einen Führungsstil und nicht automatisch ein professionelles Coaching im engeren Sinn.

    Eine Mitarbeiterin in der Beratung einer NGO kennt inzwischen eure Angebote und Zuständigkeiten. Bei emotional aufgeladenen Beschwerden gerät sie trotzdem unter Druck. Nach zwei unangenehmen Gesprächen sagt sie, sie sei wohl nicht für diese Rolle geeignet. Mehr Kontrolle allein würde ihre Unsicherheit verstärken. Reine Ermutigung würde die fehlende Gesprächsroutine nicht ersetzen. Ihr analysiert deshalb gemeinsam ein Gespräch, übt eine klare Eröffnung und vereinbart, wie sie beim nächsten Eskalationsfall Unterstützung bekommt. Gleichzeitig klärt ihr, welche Anliegen sie selbst bearbeiten kann und wann fachliche oder organisatorische Grenzen erreicht sind.

    Hilfreiche Fragen sind: An welcher Stelle bist du unsicher geworden? Was hat bereits funktioniert? Welche Formulierung würdest du nächstes Mal ausprobieren? Ergänze diese Fragen um konkretes Feedback und eine überschaubare nächste Aufgabe. Entwicklung entsteht nicht dadurch, dass du das Problem jedes Mal selbst löst, sondern dadurch, dass die Person mit passender Begleitung zunehmend selbst handeln kann.

    3. Unterstützen: Können ist vorhanden, Sicherheit schwankt

    Unterstützen verbindet wenig zusätzliche fachliche Anleitung mit viel beziehungsbezogener Begleitung. Die Person kann die Aufgabe grundsätzlich, schwankt aber bei Selbstvertrauen oder Motivation. Du nimmst ihr nicht die fachliche Entscheidung ab. Du hilfst ihr, vorhandene Kompetenz zu nutzen und Hindernisse offen anzusprechen.

    Eine erfahrene Teamleiterin hat ein schwieriges Feedbackgespräch sorgfältig vorbereitet und kennt die relevanten Beobachtungen. Trotzdem verschiebt sie den Termin, weil sie die Beziehung nicht beschädigen will. Ihr braucht nicht noch eine Einführung in Feedbackregeln. Ihr braucht ein Gespräch über ihre Befürchtungen, die eigene Haltung und eine Formulierung, die klar und respektvoll zugleich ist. Anschließend führt sie das Gespräch selbst.

    Frage: Welche Entscheidung hältst du fachlich für richtig? Was macht sie gerade schwer? Welche Unterstützung brauchst du, ohne dass ich dir die Verantwortung abnehme? Damit stärkst du Selbstführung statt Abhängigkeit. Gleichzeitig gilt: Wenn Motivation wegen Überlastung, fehlender Anerkennung oder widersprüchlicher Erwartungen sinkt, reicht ein gutes Gespräch nicht. Dann müssen die Bedingungen verändert werden.

    4. Delegieren: Verantwortung wirklich übergeben

    Delegieren bedeutet wenig zusätzliche Anleitung und wenig laufende Unterstützung, weil Kompetenz und Engagement für die Aufgabe hoch sind. Du vereinbarst das Ergebnis, den Entscheidungsspielraum und sinnvolle Kontrollpunkte. Wie die Person das Ergebnis erreicht, entscheidet sie weitgehend selbst. Weniger Begleitung heißt nicht weniger Interesse oder weniger Verantwortung auf deiner Seite.

    Ein erfahrener Projektleiter übernimmt die Einführung eines vertrauten Verfahrens in einer mittelgroßen Konzerneinheit. Du klärst Ziel, Budget, kritische Schnittstellen und die Bedingungen für eine Eskalation. Vorgaben der Zentrale und notwendige Freigaben bleiben verbindlich. Innerhalb dieses Rahmens entscheidet er eigenständig über die Umsetzung. Statt täglich Lösungsdetails abzufragen, besprecht ihr zu vereinbarten Zeitpunkten Fortschritte und Risiken. Er bekommt echte Entscheidungsbefugnis und nicht nur die Pflicht, einen von dir bereits vollständig bestimmten Plan abzuarbeiten.

    Delegation scheitert häufig an unausgesprochenen Grenzen. Darf die Person Prioritäten ändern, zusätzliche Unterstützung anfordern oder Kundenzusagen machen? Was bleibt bei dir? Wer nur sagt, mach das selbstständig, und anschließend jede Entscheidung korrigiert, vermittelt kein Vertrauen. Er produziert Unsicherheit und führt auf Dauer wieder alles selbst.

    Warum situative Führung in mittelgroßen Organisationen relevant ist

    In KMUs treffen häufig langjährige Erfahrung, kurze Entscheidungswege und begrenzte personelle Ressourcen aufeinander. Fachkräfte übernehmen zusätzlich Projektleitung oder Personalverantwortung, ohne für jede neue Aufgabe bereits die passende Erfahrung mitzubringen. Ein Mensch kann im Kerngeschäft sehr selbstständig sein und bei einer neuen Führungsaufgabe intensive Begleitung brauchen. Ein einheitlicher Führungsstil übersieht diese Unterschiede leicht.

    In NGOs kommen häufig fachliche Verantwortung, Förderbedingungen und ein starkes inhaltliches Anliegen zusammen. Je nach Organisation arbeiten hauptamtliche Mitarbeitende, Ehrenamtliche und externe Partner gemeinsam. Hohe Identifikation mit dem Auftrag bedeutet nicht automatisch Sicherheit bei Budgetfragen, Dokumentation oder schwierigen Gesprächen. Führung muss hier Kompetenzen entwickeln und zugleich Zuständigkeiten, verfügbare Zeit und unterschiedliche Formen der Verbindlichkeit berücksichtigen.

    In mittelgroßen Organisationen innerhalb von Konzernstrukturen sind zusätzliche Schnittstellen relevant: lokale Leitung, zentrale Fachbereiche, interne Kunden und mitunter mehrere Berichtslinien. Die Führungskraft kann nicht jeden Rahmen selbst verändern. Sie kann aber klären, welche Entscheidungen vor Ort möglich sind, wann Abstimmung nötig ist und welche Unterstützung eine Person im Umgang mit diesen Schnittstellen braucht. Situative Führung ersetzt keine verbindliche Rollenklärung.

    Situative Führung kann helfen, knappe Führungszeit bewusster einzusetzen. Wer eine vertraute Aufgabe sicher beherrscht, braucht nicht dieselbe Begleitung wie jemand, der sie erstmals übernimmt. Wer nach Rückschlägen Unterstützung braucht, sollte nicht allein deshalb als ungeeignet gelten. Die mögliche Wirkung liegt in besser abgestimmten Lernbedingungen, klareren Erwartungen und passender Verantwortung, nicht in einem garantierten Produktivitätssprung.

    Auch in einer seit Jahrzehnten bestehenden Organisation verändern Digitalisierung, neue Förderbedingungen, Umstrukturierungen oder regulatorische Anforderungen den Unterstützungsbedarf. Ein Teammitglied kann im bisherigen Umfeld sehr selbstständig gewesen sein und bei einem neuen Verfahren wieder Orientierung brauchen. Der Entwicklungsstand ist kein Rang, den man einmal erreicht und dann nie mehr verlässt. Neue Aufgaben und veränderte Bedingungen können neue Begleitung erforderlich machen.

    Drei Praxisfälle aus KMUs, NGOs und Konzernstrukturen

    Die folgenden Fälle sind illustrative Beispiele, keine dokumentierten Kundenprojekte oder empirischen Wirkungsnachweise. Sie zeigen, wie sich dieselbe Denkstruktur auf unterschiedliche Aufgaben übertragen lässt.

    Fall 1, vom Fachkollegen zur Führungskraft im KMU: Ein technisch starker Mitarbeiter eines mittelständischen Betriebs übernimmt ein Team. Bei fachlichen Entscheidungen arbeitet er selbstständig. Bei der ersten Aufgabenverteilung bleibt unklar, wer wofür zuständig ist. Du vereinbarst mit ihm einen einfachen Ablauf für Delegationsgespräche, übst diesen und reflektierst anschließend die Wirkung. Bei Personalführung leitest und coachst du, während du ihm fachlich weiterhin großen Spielraum lässt. Auch Kundengespräche oder Preisverhandlungen können ein eigenes Lernfeld sein, das unabhängig von seiner technischen Erfahrung beurteilt werden muss.

    Fall 2, neue Projektverantwortung in einer NGO: Eine erfahrene Mitarbeiterin übernimmt erstmals ein gefördertes Projekt mit mehreren Kooperationspartnern. Inhaltlich ist sie sicher, bei Mittelverwendung und Berichtsfristen fehlt ihr Routine. Ihr klärt gemeinsam die Förderbedingungen, erstellt einen Ablauf für die Dokumentation und vereinbart Feedback zum ersten Bericht. Später prüft sie die Unterlagen selbstständig. Bei einer schwierigen Abstimmung mit einem Partner braucht sie dagegen vielleicht unterstützendes Sparring statt zusätzlicher fachlicher Anleitung. Die Begleitung wird aufgabenbezogen geringer, weil konkrete Fähigkeiten und Sicherheit gewachsen sind, nicht weil der Kalender es vorgibt.

    Fall 3, widersprüchliche Erwartungen in einer Konzerneinheit: Ein souveräner Projektleiter erhält unterschiedliche Prioritäten von der lokalen Geschäftsführung und einem zentralen Fachbereich. Nach einem Konflikt zweifelt er an seinen Entscheidungen. Zusätzliche Detailvorgaben würden sein fachliches Können nicht verbessern. Du klärst mit ihm Zuständigkeiten, Entscheidungsbefugnisse und das nächste gemeinsame Abstimmungsgespräch. Dabei unterscheidest du persönliche Unsicherheit von einem tatsächlichen Widerspruch in der Organisation. Bleibt ein struktureller oder persönlicher Konflikt bestehen, braucht es möglicherweise eine eigenständige Konfliktklärung. Ein Führungsmodell ersetzt weder klare Verantwortlichkeiten noch Mediation.

    So bereitest du ein situatives Führungsgespräch vor

    Erstens: Definiere Ergebnis und Rahmen. Was soll entstehen, bis wann und mit welchem Qualitätsmaßstab? Welche Risiken und Grenzen sind relevant? Gerade bei Verhandlungen, Kundenversprechen und sensiblen Personalthemen muss das klar sein, bevor über Selbstständigkeit gesprochen wird.

    Zweitens: Prüfe Kompetenz anhand konkreter Beobachtungen. Frage nach bisherigen Erfahrungen und lasse dir das geplante Vorgehen erklären. Verwechsle selbstsicheres Auftreten nicht mit Können und zurückhaltendes Auftreten nicht mit Unfähigkeit.

    Drittens: Besprich Motivation und Selbstvertrauen getrennt. Wie wichtig ist dir diese Aufgabe? Wie sicher fühlst du dich bei der Umsetzung? Was erschwert sie gerade? Diese Fragen verhindern, dass fehlende Ressourcen vorschnell als mangelndes Engagement ausgelegt werden.

    Viertens: Vereinbart die Begleitung gemeinsam. Braucht es ein Beispiel, ein gemeinsames Üben, Feedback auf einen Entwurf oder nur einen Termin zur Ergebnisprüfung? Sage ausdrücklich, welche Entscheidungen die Person selbst treffen kann und wann sie dich einbeziehen soll.

    Fünftens: Prüft die Passung erneut. Was gelingt inzwischen eigenständig? Wo ist weitere Unterstützung nötig? Passt der vereinbarte Rahmen noch? Ein kurzer, konkreter Rückblick ist meist hilfreicher als eine abstrakte Bewertung des Führungsstils.

    Die häufigsten Fehler: Kontrolle, Rückzug und Etiketten

    Ein erster Fehler ist die dauerhafte Kontrolle kompetenter Menschen. Die Führungskraft nennt es Qualitätssicherung, tatsächlich muss jede Kleinigkeit über ihren Tisch. Das Team lernt, Entscheidungen nach oben abzugeben. Ein zweiter Fehler ist das Gegenteil: Neue Mitarbeitende bekommen Verantwortung, aber weder Kriterien noch Unterstützung. Das wird als Eigenverantwortung verkauft und ist oft nur Rückzug.

    Ein dritter Fehler sind feste Etiketten. Aussagen wie sie ist eben unsicher oder er braucht immer Druck machen aus einem aufgabenbezogenen Bedarf eine Persönlichkeitseigenschaft. Besser ist: Bei dieser Aufgabe fehlt noch Erfahrung mit dem Ablauf. Damit bleibt Entwicklung möglich und überprüfbar.

    Ein vierter Fehler ist, jede Schwierigkeit psychologisch zu erklären. Wenn Ziele ständig wechseln, Zuständigkeiten unklar sind oder unrealistische Fristen gelten, ist ein vermeintliches Motivationsproblem möglicherweise ein Organisationsproblem. Das gilt ebenso bei widersprüchlichen Konzernvorgaben oder wenn in einer NGO ehrenamtliches Engagement wie uneingeschränkt verfügbare Arbeitszeit behandelt wird. Situative Führung muss deshalb immer auch die Bedingungen der Organisation betrachten.

    Ein fünfter Fehler ist ein unkommentierter Stilwechsel. Gestern viel Freiheit, heute genaue Vorgaben: Ohne Erklärung wirkt das wie Misstrauen. Sage, was sich verändert hat, etwa eine neue Aufgabe oder ein höheres Risiko. Und vereinbare, unter welchen Bedingungen wieder mehr Spielraum möglich wird.

    Selbstführung: Was das Modell von dir verlangt

    Du kannst deinen Führungsstil nur anpassen, wenn du deinen eigenen Standardmodus kennst. Manche Führungskräfte übernehmen unter Druck sofort alles selbst. Andere vermeiden klare Vorgaben, weil sie nicht autoritär wirken wollen. Wieder andere hören lange zu und verschieben notwendige Entscheidungen. In mittelgroßen Organisationen kommt oft hinzu, dass du gleichzeitig Erwartungen der Geschäftsführung, eines Vorstands oder zentraler Stellen erfüllen musst. Nicht jeder spontane Impuls entspricht dem Bedarf des Gegenübers.

    Frage dich vor einem schwierigen Gespräch: Braucht die Person gerade meine Anleitung oder beruhige ich mit Kontrolle meine eigene Unsicherheit? Gebe ich Freiraum, weil die Kompetenz vorhanden ist oder weil ich der Auseinandersetzung ausweiche? Höre ich zu, um die Situation zu verstehen oder damit ich eine klare Erwartung nicht aussprechen muss?

    Hier verbindet sich situative Führung mit Persönlichkeitsentwicklung. Du übst, eigene Erwartungen, Befürchtungen und Reaktionen wahrzunehmen und trotzdem bewusst zu handeln. Gesprächsführung in Dialogen und Selbstführung gehören deshalb zusammen: klar in der Sache, präzise in der Sprache und belastbar in der Beziehung.

    Was die Forschung zeigt und wo das Modell Grenzen hat

    Die Anschaulichkeit des Modells ist nicht mit einem eindeutigen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis gleichzusetzen. Claude L. Graeff analysierte die Entwicklung der situativen Führungstheorie kritisch und zeigte begriffliche sowie theoretische Probleme verschiedener Fassungen auf. Geir Thompson und Robert P. Vecchio prüften drei Versionen und berichteten kein durchgehend überzeugendes Bild für sämtliche Modellannahmen. [3][4]

    Daraus folgt weder, dass Anpassung an Menschen sinnlos wäre, noch dass die vier Felder jede Führungssituation zuverlässig erklären. Sinnvoll ist ein nüchterner Umgang: Nutze das Modell als Gesprächsrahmen und prüfe seine Vorschläge an konkreten Beobachtungen. Vermeide die Behauptung, eine bestimmte Zuordnung garantiere Motivation, Leistung oder Unternehmenserfolg.

    Das Modell berücksichtigt zudem nicht alle Einflussfaktoren gleich ausführlich. Machtverhältnisse, Teamdynamik, Unternehmenskultur, Diskriminierung, Arbeitsbelastung und psychologische Sicherheit können entscheidend sein. Amy Edmondsons Forschung zu psychologischer Sicherheit und Lernverhalten in Teams ist dafür eine wichtige Ergänzung: Menschen müssen Fragen, Unsicherheit und Fehler ansprechen können, damit gemeinsames Lernen möglich wird. [5]

    Bei fachlichen Hochrisikoaufgaben bleiben notwendige Freigaben und Standards bestehen, auch wenn jemand sehr kompetent ist. Bei festgefahrenen Konflikten kann eine neutrale Klärung notwendig werden. Situative Führung ist ein Werkzeug im Führungsrepertoire, kein Ersatz für fachliche Verantwortung, gute Strukturen oder professionelle Konfliktbearbeitung.

    Situative Führung im Alltag entwickeln

    Beginne mit einer konkreten Aufgabe statt mit einer vollständigen Neuordnung deiner Führung. Kläre das Ergebnis, besprich Können und Sicherheit und vereinbare eine passende Form der Begleitung. Prüfe anschließend, ob mehr Klarheit, Selbstständigkeit oder Lernfortschritt erkennbar ist. So wird aus einem Modell eine überprüfbare Praxis.

    In AAS Dialog Führungskräfteentwicklung arbeiten wir an Gesprächsführung in Dialogen, Selbstführung und Persönlichkeitsentwicklung. Über ein bis sechs Monate werden reale Führungsaufgaben zum Lernfeld. Entscheidend ist nicht, ein Modell auswendig zu kennen, sondern im eigenen Alltag bewusst zu entscheiden, wann du Orientierung gibst, wann du unterstützt und wann du Verantwortung übergibst.

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    Wenn Konflikte oder schwierige Abstimmungen im Mittelpunkt stehen

    Wo Unsicherheit, Widerstand oder Spannungen die Zusammenarbeit prägen, ergänzt das Konflikttraining die Führungsentwicklung. Dort üben Mitarbeitende und Führungskräfte, schwierige Gespräche früh zu führen, Interessen zu klären und belastbare Vereinbarungen zu treffen.

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    Wenn Führungskräfte oder Mitarbeitende konkrete Verhandlungen mit Kunden, Fördergebern, Kooperationspartnern oder internen Entscheidungsträgern vorbereiten möchten, bietet Verhandlungscoaching einen ergänzenden Zugang. Dabei lassen sich strategische Fragen, Gesprächsabläufe und die eigene Sicherheit gezielt bearbeiten. Ein Team in einem KMU, einer NGO oder einer mittelgroßen Konzerneinheit braucht nicht überall dieselbe Führung. Es braucht eine Führungskraft, die Unterschiede erkennt, den organisatorischen Rahmen klärt und ihren eigenen Beitrag bewusst gestaltet.

    Zum Verhandlungscoaching

    Quellen

    1. 1Hersey, P., Blanchard, K. H., "Life Cycle Theory of Leadership", Training and Development Journal 23 (5), 1969, S. 26 bis 34, bibliografischer Nachweis bei ERIC
    2. 2Blanchard, K., "A Situational Approach to Effective Leadership", 22. August 2019: aufgabenbezogene Entwicklungsstufen und Führungsstile in SLII
    3. 3Graeff, C. L., "Evolution of Situational Leadership Theory: A Critical Review", The Leadership Quarterly 8 (2), 1997, S. 153 bis 170
    4. 4Thompson, G., Vecchio, R. P., "Situational leadership theory: A test of three versions", The Leadership Quarterly 20 (5), 2009, S. 837 bis 848
    5. 5Edmondson, A., "Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams", Administrative Science Quarterly 44 (2), 1999, S. 350 bis 383
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