Führungskräfteentwicklung

    Führungskräfteentwicklung, die im Alltag ankommt: Transfer statt Seminarhopping.

    Mag. Paul H. Schindler29. April 2025 · 10 min

    Die meisten Entwicklungsprogramme scheitern nicht am Inhalt, sondern am Transfer. Vier Bedingungen, die darüber entscheiden, ob nach acht Wochen noch etwas übrig ist, und wie sich Wirkung ohne Scheinkennzahlen messen lässt.

    Fast jedes größere Unternehmen im deutschsprachigen Raum hat ein Führungskräfteprogramm. Und fast jede Personalentwicklerin, mit der ich spreche, kennt denselben Moment: Die Rückmeldungen nach den Modulen sind gut, die Stimmung ist gut, und ein halbes Jahr später führt trotzdem jede und jeder wieder so wie vorher.

    Das liegt selten an den Inhalten. Es liegt am Design.

    Warum gute Seminare wirkungslos bleiben

    Lernen im Seminarraum ist entlastet. Es gibt keine Kundin, die wartet, keinen Kollegen, der widerspricht, und keine Konsequenz, wenn eine Methode nicht klappt. Genau diese Entlastung macht das Üben angenehm und den Transfer schwer.

    Dazu kommt der Rückkehreffekt. Wer aus zwei Tagen Training in einen unveränderten Alltag zurückkommt, greift innerhalb weniger Tage wieder auf die alten Muster zurück, weil der Alltag sie belohnt. Nicht der Mensch scheitert, sondern das Umfeld gewinnt, wie es Simone Kauffeld für die betriebliche Weiterbildung beschreibt.

    Vier Bedingungen für Transfer

    Erstens der Anlass. Entwicklung braucht eine echte Aufgabe, nicht einen Katalog. Wenn ein Programm mit der Frage startet, welche Kompetenzen wir abdecken wollen, ist es meist schon verloren. Wenn es mit der Frage startet, welche konkreten Führungssituationen im nächsten Halbjahr anstehen, hat es eine Chance.

    Zweitens die Taktung. Vier kurze Einheiten über ein halbes Jahr wirken zuverlässiger als zwei volle Tage. Zwischen den Einheiten passiert das eigentliche Lernen, nämlich der misslungene Versuch und die Korrektur.

    Drittens die Übung an eigenen Fällen. Fallbeispiele aus dem Lehrbuch erzeugen Zustimmung, eigene Fälle erzeugen Unbehagen. Unbehagen ist ein gutes Zeichen, denn dort beginnt Veränderung.

    Viertens das Nachhalten. Ein festgelegter Termin acht Wochen nach dem letzten Modul, in dem jede Person berichtet, was funktioniert hat und was nicht, ist der günstigste Wirkungsverstärker, den es gibt.

    Infografik: Vier Bedingungen für Transfer in der Führungskräfteentwicklung. Anlass, Taktung, Übung an eigenen Fällen und Nachhalten.

    Wirkung messen, ohne Scheinkennzahlen

    Zufriedenheitsbögen messen Stimmung, nicht Wirkung. Brauchbar sind drei andere Größen: die Zahl der Führungssituationen, die tatsächlich anders bearbeitet wurden, die Veränderung in der Dauer typischer Abstimmungen und die Rückmeldung der Teams, nicht der Teilnehmenden.

    Der ehrlichste Indikator ist banal: Werden die Werkzeuge sechs Monate später noch benannt, ohne dass jemand nachfragt? Wenn ja, war das Programm gut. Wenn nein, war es ein angenehmes Ereignis.

    Was sich in gemischten Gruppen verändert

    Programme, die Führungskräfte aus mehreren Bereichen zusammenbringen, wirken doppelt. Neben dem Inhalt entsteht ein Netzwerk, in dem später kurz angerufen wird, statt eskaliert zu werden. Dieser Nebeneffekt ist in vielen Organisationen wertvoller als das Curriculum.

    Wichtig ist, dass diese Runden nicht nach dem letzten Modul enden. Ein selbstorganisierter Austauschzirkel mit vier Terminen im Jahr hält die Wirkung länger als jedes Zusatzmodul.

    Case Study: ein Führungsprogramm über zwei Kontinente

    Wo digitale Formate wirklich helfen

    Digitale Einheiten sind kein Sparprogramm, sondern ein Taktgeber. Kurze Onlinesequenzen zwischen den Präsenzterminen halten das Thema wach, ermöglichen Übung in kleinen Gruppen und machen verteilte Standorte überhaupt erst gemeinsam trainierbar.

    Entscheidend ist die Mischung. Präsenz für die schwierigen Themen, digital für Taktung und Wiederholung.

    AAS Dialog: digitale Formate für verteilte Teams

    Quellen

    1. 1Timothy T. Baldwin & J. Kevin Ford, "Transfer of Training: A Review and Directions for Future Research", Personnel Psychology (1988)
    2. 2Simone Kauffeld, "Nachhaltige Personalentwicklung und Weiterbildung" (Springer, 2016)

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