Konfliktkosten

    Was ein ungelöster Konflikt wirklich kostet: die Rechnung, die niemand aufmacht.

    Mag. Paul H. Schindler28. Jänner 2025 · 9 min

    Konflikte tauchen in keiner Bilanz als eigene Position auf. Bezahlt werden sie trotzdem. Wie du die vier Kostenblöcke für dein Unternehmen grob rechnest und wo sich Investitionen zuerst lohnen.

    In fast jedem Budgetgespräch, das ich mit Geschäftsführungen führe, taucht irgendwann derselbe Satz auf: Für ein Konfliktthema haben wir gerade kein Budget. Interessant daran ist, dass der Konflikt in dieser Rechnung nichts kostet. Er ist einfach da, verursacht keine Rechnung und wird deshalb behandelt, als wäre er gratis.

    Er ist nicht gratis. Er ist nur unsichtbar verteilt, auf Stundenzettel, Krankenstände, verschobene Entscheidungen und auf Menschen, die irgendwann kündigen und im Austrittsgespräch etwas Höfliches sagen.

    Ungelöste Konflikte kosten ein Unternehmen über vier Hebel: verlorene Arbeitszeit, Fluktuation, Fehlzeiten und verzögerte Entscheidungen. Zusammengenommen ist das kein weicher Faktor, sondern hartes Geld. In diesem Text rechnen wir es einmal durch.

    Warum niemand die Rechnung aufmacht

    Konfliktkosten haben eine unangenehme Eigenschaft: Sie sind real, aber nicht einer einzelnen Buchungszeile zuzuordnen. Kein Controller kann dir sagen, wie viel das Zerwürfnis zwischen Vertrieb und Produktion im letzten Quartal gekostet hat, weil sich diese Kosten über Dutzende kleine Positionen verteilen.

    Im Aggregat sind sie längst vermessen. Die KPMG-Konfliktkostenstudie kommt darauf, dass in Unternehmen 10 bis 15 Prozent der Arbeitszeit für Konflikte und deren Folgen draufgehen, bei Führungskräften 30 bis 50 Prozent, und beziffert die Konfliktkosten auf bis zu 20 Prozent der Personalkosten. Nur eben nicht auf deiner Buchungszeile.

    Das Ergebnis ist eine systematische Fehlentscheidung. Eine Maßnahme mit klarem Preis wird gegen ein Problem ohne Preis abgewogen. In dieser Rechnung gewinnt immer das Nichtstun.

    Die vier Kostenblöcke

    Erstens die Produktivität. In eskalierten Konstellationen entstehen Umwege: doppelte Abstimmungen, Mails in Kopie an drei Ebenen, Meetings, in denen niemand entscheidet, weil die eigentliche Frage nicht auf dem Tisch liegt. Rechne konservativ mit ein bis zwei Stunden pro betroffener Person und Woche. Der CPP Global Human Capital Report kommt international sogar auf gut zwei Stunden, meine Faustregel bleibt bewusst darunter.

    Zweitens die Fluktuation. Menschen kündigen selten wegen der Aufgabe. Eine Nachbesetzung kostet in Österreich laut Deloitte im Schnitt rund 14.900 Euro pro Stelle, je nach Betriebsgröße zwischen 13.700 und 17.200 Euro, und darin sind Suche, Einarbeitung und Produktivitätslücke noch vorsichtig gerechnet.

    Drittens die Fehlzeiten. Dauerhafte Anspannung schlägt auf die Krankenstandstage durch, und das zeigt sich auch außerhalb des eigenen Teams: Beschäftigte, die ihre Führung als unfair erleben, fehlen laut dem Fehlzeiten-Report der AOK im Schnitt gut zwei Tage pro Jahr mehr als jene, die sie als fair erleben. Im eigenen Team brauchst du dafür ohnehin keine Studie, ein Blick auf die Verteilung der Krankenstände über Abteilungen genügt meist.

    Viertens die Verzögerung. Das ist der teuerste und am schlechtesten sichtbare Block. Ein Projekt, das drei Monate auf eine Klärung wartet, kostet nicht drei Monate Personal, sondern drei Monate entgangenen Nutzen.

    Infografik: Vier Kostenblöcke ungelöster Konflikte. Produktivität, Fluktuation, Fehlzeiten und Verzögerung.

    Eine Rechnung, die zehn Minuten dauert

    Nimm ein Team, in dem ein Konflikt seit mindestens drei Monaten läuft. Zähle die direkt betroffenen Personen. Multipliziere sie mit einer konservativ geschätzten Stunde Reibungsverlust pro Woche und mit deinem internen Stundensatz. Addiere eine anteilige Nachbesetzung, wenn im letzten Jahr jemand aus diesem Umfeld gegangen ist. Addiere die Verzögerungskosten des wichtigsten blockierten Vorhabens.

    In den meisten mittelgroßen Teams landest du bei dieser Rechnung im fünf bis sechsstelligen Bereich pro Jahr. Das ist keine Panikzahl, sondern eine bewusst vorsichtige. Und sie reicht in der Regel, um die Budgetfrage anders zu stellen.

    Konfliktkosten interaktiv berechnen

    Wo Eingreifen zuerst wirkt

    Nicht jeder Konflikt braucht ein Verfahren. Die meisten brauchen eine Führungskraft, die das Gespräch führt, das seit Wochen niemand führt. Erst wenn zwei Klärungsversuche gescheitert sind oder wenn die Führungskraft selbst Partei ist, wird ein externes Format sinnvoll.

    Die Reihenfolge ist fast immer dieselbe: erst Klärung im Gespräch, dann moderierte Klärung, dann Mediation. Wer diese Reihenfolge überspringt, zahlt doppelt, und wer sie zu lange hinauszögert, zahlt dauerhaft, weil ein Konflikt mit jeder Eskalationsstufe teurer wird, wie sie Friedrich Glasl beschrieben hat.

    Wirtschaftsmediation im Überblick

    Was du als Führungskraft ohne Budget tun kannst

    Führe pro Quartal ein Gespräch, in dem es ausschließlich um Zusammenarbeit geht und nicht um Zahlen. Frage nicht, ob es Konflikte gibt, sondern wo Abstimmungen zuletzt länger gedauert haben als nötig. Das ist dieselbe Frage, nur ohne die Hürde des Wortes Konflikt.

    Und mach dir die Kosten einmal jährlich schriftlich sichtbar. Eine Zahl auf Papier verändert Entscheidungen zuverlässiger als jedes Bauchgefühl.

    Weiterlesen: Konfliktkompetenz als Führungsfaktor

    Quellen

    1. 1KPMG, "Konfliktkostenstudie - Die Kosten von Reibungsverlusten in Industrieunternehmen" (2009)
    2. 2CPP Global, "Workplace Conflict and How Businesses Can Harness It to Thrive" (2008)
    3. 3Deloitte Österreich, "Fluktuation und deren Auswirkung auf Unternehmen" (2019)
    4. 4WIdO/AOK, "Fehlzeiten-Report 2020: Gerechtigkeit und Gesundheit"
    5. 5Friedrich Glasl, "Konfliktmanagement" (Haupt Verlag)

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