Deeskalation

    Deeskalation im Berufsalltag: Was du tun kannst, wenn die Temperatur im Raum kippt.

    Mag. Paul H. Schindler30. August 2025 · 8 min

    Eskalationen lassen sich selten verhindern, aber fast immer steuern. Hier sind die fünf Hebel, die wirklich wirken, wenn ein Gespräch aus dem Ruder läuft.

    Du kennst diesen Moment. Eine Diskussion läuft seit zwanzig Minuten, die Stimmen werden lauter, jemand verschränkt die Arme, ein anderer lehnt sich zurück und schweigt demonstrativ. Die Temperatur im Raum ist gekippt und alle wissen es.

    Die meisten Menschen tun in diesem Moment instinktiv das Falsche. Sie argumentieren härter, weil sie glauben, mehr Argumente würden helfen. Das Gegenteil ist der Fall.

    Konflikte am Arbeitsplatz sind Alltag: Laut dem CPP Global Human Capital Report erleben 85 Prozent der Beschäftigten sie. Wenn die Temperatur kippt, helfen drei erste Schritte: Tempo rausnehmen, zuhören und das Gehörte spiegeln statt sofort zu kontern, und die Sachebene von der Beziehungsebene trennen. Entscheidend ist, die Eskalationsstufe zu erkennen, denn je nach Stufe, wie sie Friedrich Glasl in seinem Konfliktmodell beschreibt, braucht es eine andere Reaktion. Wie sich diese Prinzipien in konkrete Handgriffe übersetzen, zeigen die fünf Hebel weiter unten.

    Eskalation ist ein körperlicher Vorgang

    Wenn ein Gespräch eskaliert, schaltet das limbische System um. Cortisol und Adrenalin steigen, der präfrontale Cortex, also der Teil deines Gehirns, der für komplexes Denken zuständig ist, verliert an Leistung. Wir sagen umgangssprachlich, jemand sei ‚nicht mehr ansprechbar’. Neurologisch stimmt das fast wörtlich.

    Wer das verstanden hat, hört auf, in eskalierten Phasen mit Sachargumenten zu kommen. Sachargumente kommen erst wieder zur Wirkung, wenn das Erregungsniveau gesunken ist. Vorher ist alles, was du sagst, Geräusch.

    Die fünf Hebel der Deeskalation

    Erstens, dein eigenes Tempo. Die einfachste und wirksamste Intervention ist, langsamer zu sprechen als dein Gegenüber. Etwa 20 Prozent langsamer, ohne theatralisch zu wirken. Tempo überträgt sich.

    Zweitens, deine Stimme. Sprich tiefer, nicht lauter. Hoch und schnell aktiviert, tief und langsam beruhigt. Das ist keine Show, das ist Physiologie.

    Drittens, deine Sätze. Kürzer, einfacher, weniger Nebensätze. Komplexe Sprache überfordert ein erregtes System und verstärkt die Eskalation. Drei klare Sätze schlagen zehn ausgefeilte.

    Viertens, dein Körper. Öffne deine Haltung. Verschränkte Arme, vorgebeugter Oberkörper und harte Gestik signalisieren Kampf, auch wenn du das nicht willst. Eine ruhige, geöffnete Haltung deeskaliert, ohne dass du ein einziges Wort sagen musst.

    Fünftens, deine Pausen. Die mächtigste Deeskalationsintervention überhaupt sind drei bewusste Sekunden Schweigen nach einem aufgeladenen Satz deines Gegenübers. Diese drei Sekunden geben dem Erregten Zeit, sich selbst zu hören. In etwa der Hälfte der Fälle korrigiert er den Satz von selbst.

    Infografik: Fünf Hebel der Deeskalation. Tempo, Stimme, Sätze, Körper, Pausen.

    Der eine Satz, der fast immer hilft

    Wenn du nicht weißt, was du sagen sollst, sag ruhig und langsam: ‚Lass uns kurz einen Schritt zurücktreten. Worum geht es dir im Kern?’

    Dieser Satz tut drei Dinge gleichzeitig. Er nimmt Tempo raus, er signalisiert echtes Interesse und er holt das Gespräch von der Eskalationsspirale zurück auf die Sachebene. Wenn dein Gegenüber den Satz ablehnt, hast du einen wertvollen Hinweis darauf, dass es gerade nicht um die Sache geht, sondern um etwas anderes, etwa Anerkennung, Respekt oder gewahrte Hierarchie.

    Was du in eskalierten Situationen vermeiden solltest

    Vermeide alles, was Bewertung enthält. ‚Beruhig dich’ hat noch nie jemanden beruhigt. ‚Sei doch sachlich’ hat noch nie jemanden sachlich gemacht. ‚Das ist doch lächerlich’ eskaliert garantiert weiter. Diese Sätze fühlen sich für die sendende Person rational an, wirken aber wie Benzin.

    Vermeide auch das berühmte ‚Wir reden, wenn du wieder normal bist’. Es entwertet und es macht aus einer momentanen Erregung eine grundsätzliche Bewertung der Person.

    Wenn du selbst eskalierst

    Die schwierigste Disziplin ist Selbstdeeskalation. Wenn du merkst, dass es in dir hochkocht, hilft eine Methode, die ich Pausenrecht nenne: Du sagst klar und früh ‚Ich brauche fünf Minuten, dann setzen wir das fort.’ Diese fünf Minuten nutzt du, um deine Atmung zu verlangsamen und drei vollständige Atemzüge in den Bauch zu bringen. Mehr brauchst du physiologisch oft nicht, um wieder zugriffsfähig auf deine Argumente zu sein.

    Das Pausenrecht ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen von Professionalität.

    Quellen

    1. 1CPP Global, "Workplace Conflict and How Businesses Can Harness It to Thrive" (2008)
    2. 2Friedrich Glasl, "Konfliktmanagement" (Haupt Verlag)

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